Istanbul TALRAUM

Copyright: Lilian Terme

Nachhaltige städtebauliche und landschaftliche Entwicklung in Tälern am Bosporus

Verfasserin Lilian Terme (Masterthesis)
Betreuung Prof. Regine Keller, Thomas Hauck. LAO-Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum


Zusammenfassung der Arbeit Bedingt durch Migrationsbewegungen kommt es ab den späten 1940er Jahren in der Türkei zu einem enormen Anstieg der Bevölke­rungs­zahlen in den Städten. Mit der daraus resultierenden Gece­konduisierung (informelle Siedlungsentwicklung) entstehen die heutigen Post-Gecekondular (verdichtete informelle Stadtteile), die sich auf Grund ihres informellen Ursprungs und der schlechten Bausubstanz durch eine unzureichende Widerstandsfähigkeit gegenüber Naturkatastrophen auszeichnen. Außerdem haben sich die strukturellen städtebaulichen und freiraumplanerischen Defizite der ungeplanten Strukturen durch die Transformationsprozesse der 1980er Jahre verschärft. Das damalige und auch das gegenwärtige Bevölkerungswachstum bedingt eine fortschreitenden Zersiedelung in der Peripherie Istanbuls. Die Ausweitung des suburbanen Stadtraumes führt zu einer Beeinträchtigung der Ökosystemfunktionen und des Naturhaushaltes. Vor allem das Wassersystem ist durch den Urban Sprawl und die zunehmende Flächenver­siegelung in der natürlichen Funktionsfähigkeit gestört. Die Landschaft verliert ihre Resilienz gegenüber Naturkatastrophen. Durch die anfällige Siedlungs­struktur der Post-Gecekondular (1), Defizite in der Stadt- und Freiraumplanung (2) und durch die Beeinträchtigung der Performance des Landschaftssystems (3) können die drohenden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdbeben in der Metropolregion Istanbul weniger gut kompensiert werden.

Die Strategie TALRAUM strebt daher die nachhaltige städtebauliche und land­schaft­liche Entwicklung in Tälern am Bosporus an. Das Landschaftssystem wird gestärkt, Ökosystemfunktionen reaktiviert, so dass der Naturhaushalt wieder resilienter auf Störungen reagieren kann. Die bestehenden Siedlungen werden einer behutsamen Regeneration zugeführt, bei der sie ihren städtebaulichen Charakter aber beibehalten sollen. Durch die Stärkung der öffentlichen Räume und die Gestaltung urbaner Infrastrukturen wird der Stadtraum aufgewertet. So kann der TALRAUM städtebaulich, ökologisch, und freiraumplanerisch aufgewertet werden und den Post-Gecekondular zu einer gestärkten Identität verhelfen.

Die Entwicklungsstrategie, die sich aus unterschiedlichen Maßnahmen aus den Bereichen der Landnutzung, dem Städtebau, und der Infrastrukturplanung zusammensetzt, wird in den drei Tälern Baltalimanı, Göksu und Küçüksu zur Stärkung der jeweiligen Charakteristika eingesetzt. Der Göksu soll in seinem eher ‚natürlichen‘ Charakter mit einem Potential zu einem ökologischen Korridor und vernetztem Freiraumsystem weiterentwickelt werden. Der schon im Bestand urban geprägte Charakter des Talraumes des Küçüksu soll städtebaulich und landschaftsarchitektonisch aufgewertet werden und einen lebenswerten Stadtraum bieten. Dazwischen stehend, als Hybrid das Tal des Baltalimanı, mit den urbanisierten Hängen und dem unbebauten Talgrund. Durch die infrastrukturelle Verknüpfung der Post-Gecekondular mit dem Tal soll hier eine Nutzung des Talraumes ermöglicht werden.
Schwerpunkt wird im Entwurf auf die Entwicklung des Talraumes aus den land­schaft­lichen Eigenarten heraus, sowie die Gestaltung der öffentlichen Räume gelegt.


 

Begründung der Hochschule Die Arbeit zeigt auf außergewöhnlich hohem Niveau, wie man aus Perspektive der Landschaftsarchitektur sensiblen Stadtumbau in informell entstandenen Stadtquartieren betreiben kann. Ziel der Arbeit ist es an drei urbanisierten Talräumen in Istanbul zu zeigen, dass es gelingen kann informelle Stadtstruktur ohne Flächenabrisse und ohne Verdrängung der Bevölkerung widerstandsfähiger gegen Naturkatastrophen (Überschwemmung, Erdbeben) zu machen, die Versorgung mit öffentlichen Räumen und Grünflächen zu verbessern und deren Qualität zu steigern und die Leistungen der Ökosysteme der Talräume zu verbessern bzw. wiederherzustellen.

Das hohe Niveau der Arbeit wurde durch eine umfangreiche und zielorientierte Recherche und Analyse, durch ein stringentes strategisches Konzept und durch inspirierte und exzellent dargestellte landschaftsarchitektonische Entwürfe erreicht.

 


Geschrieben am 05.02.2014 - geändert am 27.02.2014

 

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