Verband mahnt: Bauland statt Ruhestätte?

Ob Berlin, Köln oder Hamburg - Wohnraum in den Ballungszentren ist knapp, und immer mehr Städte wollen Friedhöfe oder Teile davon für den Wohnungsbau nutzen. 

Ein aktuelles Beispiel aus Berlin ist der Golgatha-Gnaden- und Johannes-Evangelist-Friedhof im Bezirk Reinickendorf. „Kleinod, märchenhaft“, so kommentieren Besucher den Friedhof im Netz, „sieht aus wie im Schwarzwald, sei aber mitten in der Stadt“. Ein Schild sagt: „Letzte Ruhestätte der Toten.“ Künftig gibt es wohl Baulärm statt Ruhe, auf 20.000 Quadratmetern sollen neue Wohnungen und neue Straßen entstehen. Mit dem Schwarzwald in Berlin ist es dann zumindest teilweise auch vorbei: Von knapp 140 geschützten Bäumen sollen nach den ersten Planungen nur 6 zwingend erhalten werden. „Neben der Frage, wie man die Ruhe der Toten respektiert, stehen auch Fragen des Naturschutzes und der Erholung“, sagt Axel Klapka. Er ist Vorsitzender des Bunds Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA) für die Region Berlin und Brandenburg. Die Umnutzung bestimmter Flächen sei aus Sicht des BDLA durchaus sinnvoll. Allerdings nicht für bauliche Zwecke.

 

Friedhöfe als Freiflächen erhalten

„Wenn Friedhofsflächen aufgegeben oder bisherige Erweiterungsflächen nicht mehr ihrem eigentlichen Zweck dienen, müssen die Areale weiterhin urbane Grün- und Freiräume bleiben.“ Das sei nicht nur Auffassung des BDLA. Vielmehr sei das auch nach geltendem Recht so vorgesehen. Wie eine Weiternutzung ohne Bebauung erfolgen kann – dafür gebe es vielfältige Gestaltungsalternativen. Sei es die Öffnung und Weiterentwicklung zu einem Stadtpark. Sei es die Nutzung für Ausstellungen oder verträgliche kulturelle Veranstaltungen. Friedhöfe in der Stadt seien nicht nur Orte der Andacht und des Erinnerns. „Bürger brauchen sie auch zur Erholung.“ Und: „Friedhöfe helfen, dass Kaltluft entstehen kann. Das verbessert das Klima der angrenzenden Quartiere. Dabei sei es unerheblich, ob die Flächen tatsächlich als Friedhof genutzt werden oder für die Friedhofserweiterung bislang von Bebauung freigehalten wurden – in beiden Fällen seien solche Flächen oft mehr als 100 Jahren unbebaut und wiesen eine entsprechend üppige Vegetation auf.

So auch beim Golgatha-Gnaden- und Johannes-Evangelist-Friedhof: Der Umweltatlas bescheinige den Reinickendorfer Flächen eine sehr hohe stadtklimatische Bedeutung. Es gebe eine höchste Empfindlichkeit gegenüber Barrieren – wie eben einer Bebauung. Wird doch gebaut, geht die Kaltluftentstehungsfunktion verloren. „Das steht auch so in der Begründung, die zum Bebauungsplan gehört.“ Kommentiert wird die Aussage in der Begründung nicht. Es heiße lediglich in der Gesamtbetrachtung mit geschützten Boden-Biotopen und Tierarten, die ebenfalls betroffen sind: „Der ökologische Raumwiderstand des Plangebietes hinsichtlich einer baulichen Nutzung ist insgesamt als vergleichsweise hoch einzustufen.“ Klapka: „Es scheint im Sinne der aktuellen Politik, Ökologie und Erholungsbedürfnis der Bewohner hinten anzustellen.“

 

Alternativen nutzen

Dass Wohnungsbau in den großen Städten und gerade in Berlin dringend erforderlich ist, daran hat Klapka keine Zweifel. Aber Wohnungsbau auf Kosten wertvoller Grün- und Freiflächen – das sei zu kurz gedacht. „Es gibt in fast allen deutschen Städten Baulücken oder brachgefallene Industrieareale, die sich besser für neue Wohnungen eignen als Friedhöfe.“ Die Vergangenheit habe jedoch immer wieder gezeigt, dass unbebaute Freiflächen bei Kommunen und vor allem auch bei den Bauherren auf größere Gegenliebe stoßen. „Es gibt weniger Hindernisse für unterschiedliche Bebauungsvarianten. Auch die Gefahren von Altlasten oder Leitungen im Boden sind geringer, wenn es keine bauliche Vornutzung gab“, sagt Klapka. Nur sei der Weg des geringsten Widerstands hier nicht der richtige.Dass er dennoch gegangen werden soll, dass deutet sich am Beispiel Berlins an: Rund 30 Prozent der Friedhofsflächen sollen künftig anderweitig genutzt werden, so der vom Berliner Senat beschlossene Friedhofsentwicklungsplan. Von insgesamt 1037 Hektar Friedhofsflächen sollen perspektivisch zunächst noch 747 Hektar für Bestattungen erhalten bleiben. Es geht also um die zukünftige Nutzung und den Charakter von 290 ha Flächen.

Einfallstor möglich

Ob es bei besagten 30 Prozent bleibt, ist unsicher. Britta Deiwick, stellvertretende Vorsitzende des BDLA Berlin-Brandenburg, befürchtet eine Salamitaktik: „Mit den ersten Projekten wird Tür und Tor für eine weitere Bebauung geöffnet. Jetzt werden die Flächen noch als so genannter Außenbereich im Innenbereich angesehen. Es müssen Bebauungspläne erarbeitet werden, die zumindest eine Prüfung der Umweltsituation beinhalten müssen.“ Seien die ersten Baugebiete jedoch entwickelt, könnten weitere Genehmigungen ohne Bebauungsplan erfolgen. Nach §34 des Baugesetzbuchs seien Vorhaben zulässig, die sich in die nähere Umgebung einfügen. „Die neue Bebauung ist dann die Umgebung, die dann an den Rändern weiter wachsen kann. Wird dabei nach §34 genehmigt, würde dann die für Friedhofsflächen so entscheidende Umweltprüfung entfallen“, mahnt Britta Deiwick. Das Fazit für den BDLA Berlin-Brandenburg: „Finger weg von den Friedhöfen als Baulandreserve.“


Geschrieben am 15.04.2015

 

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