Landschaftsarchitekten gestalten die Zukunft erfolgreich mit

Interview mit Andrea Gebhard und Prof. Arno S. Schmid zum 100jährigen Bestehen des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten

Sein 100-jähriges Bestehen feiert der bdla im Jahr 2013. Am Anfang stand die Gründung zweier Parallelverbände. Im Oktober 1913 formierte sich in Frankfurt der BDGA, der Bund Deutscher Gartenarchitekten, und 1914 folgte der VDG, der Verein Deutscher Gartenarchitekten. Beide Organisationen wurden 1933/1934 aufgelöst bzw. durch die „Gleichschaltung“ in die Reichskulturkammer integriert. Erst 1948 wurde der BDGA neu gegründet und schließlich 1972 in Bund Deutscher Landschafts-Architekten BDLA umbenannt.

Heute zählt der bdla rund 1300 Mitglieder, darunter ca. 800 freischaffende Landschaftsarchitekten. Neben dem Bundesverband gibt es 13 Landesgruppen, deren Kompetenzen sich auf die jeweiligen Bundesländer beziehen. Der bdla ist Mitglied in der International Federation of Landscape Architects IFLA und zählte 1990 zu den Gründungsmitgliedern der European Foundation for Landscape Architecture EFLA.

Andrea Gebhard, bdla-Präsidentin seit 2007
Prof. Arno Sighart Schmid, von 1983 bis 1989 Präsident des bdla, von 2004 bis 2010 Präsident der Bundesarchitektenkammer sowie langjähriger Präsident des Weltverbands der Landschaftsarchitekten, der International Federation of Landscape Architects (IFLA)

Was war der Auslöser für die Gründung einer berufsständischen Vereinigung?

Prof. Arno Sighart Schmid: Nach der Jahrhundertwende, im 18./19. beziehungsweise dann auch im 20. Jahrhundert, hatten sich die Aufgaben für die Kollegenschaft deutlich verändert. Zuvor gab es die Periode der Hofgärtner, die eher in feudalen Anwesen und an den Fürstenhöfen tätig waren und dort ihre Parkgestaltung gemacht haben. In der frühen Weimarer Republik kam dann eine soziale Komponente hinzu, die die Aufgabenstellungen deutlich erweitert hat, denn als Folge der frühen Industrialisierung litten die Menschen unter mangelnder Bewegung und schlechter Ernährung. Erste Volksparks entstanden, es war die Zeit von Turnvater Jahn, die Zeit der Gesundheitsvorsorge und auch der Schrebergärten. Als Reaktion auf die damalige Lebensweise und die -umstände und um mit einer Stimme zu sprechen, solidarisierten sich die Gartenarchitekten und gründeten einen Verband. Sicher auch, um ihre wirtschaftlichen Interessen zusammenzufassen.

Nicht nur die Trennung zwischen Landschafts- und Stadtgestaltung kann man als Veränderung festhalten. Im Lauf der Jahre hat sich auch die Berufsausübung der Garten- und Landschaftsarchitekten gewandelt.

Arno Sighart Schmid: In den frühen Jahren gab es, ähnlich wie bei den Architekten und Baumeistern, auch bei den Landschaftsarchitekten keine Trennung zwischen Planung und Ausführung, das waren immer Planer und Realisierer. Reine Planungsbüros sind eigentlich erst in den 1960er und 1970er-Jahren entstanden.

Andrea Gebhard: Und diese Trennung ist bis heute geblieben, denn wir fungieren als Treuhänder des Bauherrn, sowohl für die öffentliche Hand als auch für private Auftraggeber. Wir sind verpflichtet, die Interessen des Bauherrn gegenüber den ausführenden Firmen zu wahren.

Welche Rolle spielt bei solchen beruflichen Entwicklungen ein Berufsverband wie der bdla?

Arno Sighart Schmid: Ich denke, es gehört zu den ursächlichen Aufgaben eines Verbandes, den Beruf immer wieder neu auszuloten und die Aufgaben zu definieren, sie also auch den allgemeinen Entwicklungen anzupassen beziehungsweise diese vorwegzunehmen. Ich will nur ein Beispiel nennen: Wir waren sicherlich mit die ersten, die überhaupt über Vernetzung, Verknüpfung nachgedacht haben. Wir haben früh erkannt, dass solche Netze in der Stadt hervorragend geeignet sind für alternative Mobilitätsnetzwerke wie kombinierte Fuß- und Radwege- oder sichere Schulwege. Das sind Dinge, die wir schon früh in die Diskussion eingebracht haben.

Andrea Gebhard: Oder die Frage der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Man denke an die Spielstraßen, ein großes Thema in den 1970er-/1980er-Jahre. Wir haben uns unter dem Aspekt der ganzheitlichen Betrachtung Gedanken darüber gemacht, wer nutzt welchen Raum, und haben nutzerbezogene Konzepte entwickelt.

Arno Sighart Schmid: Auch da haben wir den interdisziplinären Ansatz propagiert. Es kann ja nicht sein, dass der Verkehrsplaner seine Planung macht und dann kommt der Landschaftsarchitekt und begrünt das letzte Reststück. Das muss gemeinsam gemacht werden.

Andrea Gebhard: Diese Selbstverständlichkeit muss allerdings auch heute noch eingefordert werden. Der Landschaftsarchitekt als Generalist ist dafür gut ausgebildet und kann unterschiedliche Ansprüche an den Raum koordinieren.

Der Ruf nach grenzenloser Mobilität und der Bau von immer mehr Straßen waren eine weitere große Herausforderung für Stadt- und Landschaftsplaner.

Arno Sighart Schmid: Das zog ja nicht nur einschneidende Veränderungen in der Fläche nach sich, zum Beispiel durch den Bau von Autobahnen. Die Entwicklung der Stadt zum autogerechten Raum war ein großer Einschnitt. Park- und Grünanlagen wurden plötzlich beschnitten für Verkehrsinfrastruktur. Es gab die Forderung nach Umweltverträglichkeitsgutachten. Auch der Berufsstand hat das Thema aufgegriffen, zum Beispiel bei den Bundesgartenschauen und Lösungen aufgezeigt, um zum Beispiel Verkehrslärm erträglicher zu machen. Daraus sind auch die Lärmschutzmaßnahmen entstanden.

Die Zeit der Schaffung von Volksparks ist lange vorbei, heute wird um jeden Quadratmeter Grün gekämpft. Gibt es da Erfolge zu verzeichnen?

Andrea Gebhard: In jedem Fall. Wir haben uns, auch im Verband, engagiert dafür eingesetzt, dass bei der Schaffung von neuen Wohngebieten, aber auch in Büroarealen ein bestimmtes Maß an Grünflächen festgeschrieben wird. Ebenso werden Wettbewerbe derzeit immer für Landschaftsarchitekten und Architekten sowie Stadtplaner ausgeschrieben, so dass die Frage der Freiräume von Beginn an mitentwickelt wird.

Arno Sighart Schmid: Im Grunde ist die Schaffung von Parks und neuen Grünflächen nach wie vor eine aktuelle Aufgabe. Ich denke, da sind die Landesgartenschauen, wie das Beispiel in Baden-Württemberg zeigt, wo es seit mehr als 30 Jahren Landesgartenschauen gibt, ein gutes Instrument, in kleinen und größeren Städten neue Grün- und Erholungsflächen für die Bevölkerung zu schaffen.

Wohin entwickelt sich der Berufsstand?

Andrea Gebhard: Der Trend zur Internationalisierung der Tätigkeitsfelder von Landschaftsarchitekten schafft neue Potenziale. Traditionelle berufliche Gepflogenheiten treffen auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen und weitere Umweltfaktoren. Diese Veränderungen im Berufsfeld beeinflussen derzeit die Diskussion über die Studienziele und Studieninhalte. Die gegenseitige europaweite und internationale Anerkennung von Qualifikationen und Ausbildungen über nationale Zuständigkeiten hinweg ist ein Faktor, der im Sinne der größeren Mobilität von Architekten gefördert werden muss.

Arno Sighart Schmid: Und die neuen Medien darf man sicher auch nicht aus dem Auge lassen. Es ist im Moment nicht zu überblicken, wie sie sich die auf Entwicklung der Menschen auswirken. Wenn ich zum Beispiel im Zuge sitze, lese ich die Landschaft, die an mir vorüberzieht, wie eine aktuelle Zeitung. Die meisten Mitreisenden schauen dagegen ins Handy oder auf den Laptop. Ich denke, die Wahrnehmung der Umwelt wird sich verändern.

Andrea Gebhard: Aber die neuen Medien bergen natürlich auch Chancen, die wir als Verband wahrnehmen. Mit unserem neuen Online-Portal Landschaftsarchitektur-heute.de, einem Online-Archiv für Landschaftsarchitektur, schlagen wir ein völlig neues Kapitel in der Verbandskommunikation des bdla auf.

Werden die Aufgaben des Verbandes geringer werden?

Arno Sighart Schmid: Sicher nicht. Unsere Aufgabenfelder, von der Bewahrung und Entwicklung unserer natürlichen Umwelt bis hin zur Gestaltung unseres gebauten Lebens- und Wohnumfeldes, sind für eine erfolgreiche Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft von so großer Wichtigkeit, dass man sie mit Vehemenz nach außen vermitteln und darstellen muss. Auch in Zukunft.

Andrea Gebhard: Dies kann ich nur unterstreichen. Ich denke, die Bedeutung unseres Berufs für die Gesellschaft steht erst am Anfang. Ich sehe auch viele Aufgaben und ein weites Feld, das es zu erarbeiten gilt, von den Infrastrukturmaßnahmen über die neuen Energien, die soziale Komponente der Freiräume oder die Frage der Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit ganzer Stadtquartiere.

Das Interview führte Petra Pintscher, Büro für Kommunikation, München.

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Geschrieben am 10.01.2013 - geändert am 15.02.2013

 

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