Bayern

Nachverdichtung - ein Kommentar von Prof. Schöbel, TU München

Klaus Neumann und Tilman Latz vertreten die beiden ‚klassisch’ in der Freiraumplanung 1 konkurrierenden Positionen: Die eine will primär in einem „Kampf um Quadratmeter“ (Martin Wagner 1915) mit standardisierenden Richtwerten Grünflächen sichern; die andere lebenswerte, multifunktionale Stadträume qualifizieren oder „zurückerobern“ (Tilman Latz).

Beide ‚klassischen’ Positionen heben die soziale Rolle der Freiraumplanung hervor, und das ist gut. Deutliche Unterschiede gibt es im Verhältnis zur Stadt, geradezu gegensätzlich sind die ‚freiraumpolitischen’ Strategien: geht es um Quantität an Grünfläche oder Qualität von Stadtraum?

Mit zwei gegenläufigen Argumentationen wird die Freiraumplanung kaum eine relevante Rolle im Nachverdichtungsdiskurs einnehmen können. Daher lohnt der Versuch, beide Positionen noch klarer zu verbinden, als es die beiden Diskutanten ja ebenfalls bereits tun, nicht, um den Konflikt zu umgehen – im Gegenteil. Zunächst ist bezüglich der Versorgungsrichtwerte zu sagen: Obwohl sich Sozial-, Stadt- wie auch Freiraumstrukturen einer Stadt separat quantitativ beschreiben lassen, ist ein direkter Zusammenhang, also eine Korrelation von sozial prekären Lebenssituationen und quantitativer Freiraumversorgung, sowohl in der Analyse wie auch als planerische Zielsetzung, in einer Stadt wie München nicht mehr herstellbar. Um es mit einem pointierten Beispiel zu beschreiben: Die Lebenssituation von Alleinerziehenden trägt, laut Sozialstatistik, das mit Abstand größte Armutsrisiko in unserer Gesellschaft und ist, ebenfalls Münchner Statistik, um ein Mehrfaches wahrscheinlicher im Hasenbergl als in den Innenstadtquartieren anzutreffen – und zwar nicht, weil sie dort ein ideales soziales Umfeld vorfänden, dass ihnen etwa atypische Arbeitsmöglichkeiten, kurze Wege und Teilnahme am sozialen Leben bieten würden ... weitere grüne Quadratmeter helfen da nicht, weder hier noch dort.   Ebenso plakativ das Thema Parks: „massiv übernutzte Parks“ (Tilman Latz) sind doch nur dort ein Problem sozialer Freiraumplanung, wo a) jene Bevölkerungsgruppen, die keine „großen Ausweichmöglichkeiten“ (Neumann) haben, von der Nutzung quasi ausgeschlossen würden oder b) ein gemeinsamer Ort des Aufeinandertreffens verschiedenster Gruppen der Stadtgesellschaft verloren ginge. Jenseits dieser sozialpolitischen Ziele von notwendiger Kompensation, Inklusion, Integration und Kohäsion (meinetwegen auch Prävention) sind Grünanlagen, nur weil sie etwa von Touristen oder Partygästen überbeansprucht werden, eher ein Problem des Stadtmarketings als der sozialen Freiraumplanung. Auch wenn beides wichtig ist - die Stadt sollte diese beiden Aufgaben nicht verwechseln (vgl. Schöbel 2003).   Soziale Freiraumplanung beginnt deswegen nicht mit der Anwendung von Richtwerten, aber auch nicht der bloßen Abfrage von Bürgerwünschen, sondern mit dem Verständnis der Strukturen sozialer Ungleichheit einerseits, gesellschaftlichen Zusammenhalts andererseits, ihren positiven und negativen Wechselwirkungen im Stadtraum. Ihr konkreter Beitrag liegt in der Erarbeitung von städtebaulich-freiraumplanerischen Vorschlägen (Investitionen, Pflegeaufwände) und ihrem Einbringen in die gesellschaftlichen Diskurse. Dies ist insbesondere bei der Debatte um Nachverdichtung wichtig, weil sonst Gebietserhaltungsansprüche in sozial homogenen Quartieren und Überforderungen in gemischten Quartieren  die Ungleichheit und Segregation verschärfen (R. Pletter: Die unsichtbare Wand - Die Zeit 40/2016).    Wenn aber Freiraumplanung, wie Klaus Neumann richtigerweise fordert, auch in der Nachverdichtungsdebatte weiterhin zuallererst einen sozialen Auftrag hat, dann ist dieser bezüglich der ungleichen Strukturen in Stadtgesellschaft und Stadtraum zu differenzieren. Dafür brauchen wir neue lebensweltnahe und damit quartiersbezogene Freiraum- und Landschaftsstrukturkonzepte, die aber stets stadtweite und zunehmend auch regionale Verantwortung tragen.  Hier sei ein Eigenzitat erlaubt: wenn es um die Ableitung von Planungszielwerten geht, dann charakterisiert ein solches Konzept „die qualitative und quantitative Freiraumstruktur der einzelnen Quartiere, indem Freiraum- und Stadtstrukturtypen zusammengeführt werden. (... Es) definiert,

  • welche Baustrukturen und Freiraumstrukturen charakteristische Typen (Freiraumcharaktere) bilden und damit, innerhalb welcher räumlichen Grenzen Quartiere hinsichtlich der Freiraumversorgung abzugrenzen sind,
  • welche Elemente des städtischen Grün- und Freiraums, welche Flächen und Bausteine in diesen jeweiligen Quartierstypen zur Bewertung der Freiraumversorgung heranzuziehen sind,
  • welche Indikatoren der sozialräumlichen Entwicklung im Zusammenhang mit der Freiraumversorgung als relevant angesehen werden, d. h. in welchen Fällen städtischer Grün- und Freiraum als strategisches Instrument von Stadtentwicklung in Frage kommt.“ (Schöbel 2003)

Eine solche quartiersweise, qualitative Untersuchung ist nun für München geplant (Süddeutsche Zeitung, 11. Dezember 2017).  Wie schon im gerade vorgelegten Freiraumkonzept 2030 sollen dabei vor allem Bewohner gehört werden. Dabei wird es aber darauf ankommen, auch solche sozialen Themen einzubeziehen, die selten vorgebracht werden: quartierstypische Probleme in benachteiligten Lebenssituationen und ebenso quartierstypische Potenziale für kollektiven Freiraumgebrauch (also wieder: Kompensation und Kohäsion). Ansonsten wird es schwer, in den Quartieren zu einer wirklich offenen und Verantwortung tragenden Debatte um Nachverdichtungen zu kommen.   Eine solche ‚nachverdichtende’ Freiraumplanung mit dem Ziel einer „’Qualifizierung’ von bestehenden Freiräumen“ ist gerade keine „getarnte Kapitulation“ (Neumann), wenn sie die stadt- und sozialräumlichen Strukturen zusammen betrachtet. Sie darf aber dann auch dazu führen, dass in Quartieren nicht ein Zuwenig an Grün, sondern ein Zuwenig an sozialer Mischung und urbaner Dichte zu kompensieren ist, denn auch diese hat, wie Tilman Latz zurecht beschreibt, eine soziale Funktion.    Von solchen Prämissen ausgehend, haben wir uns in den letzten Semestern in studentischen Entwurfsprojekten auf der Ebene der Freiraumplanung mit innerstädtischer Verdichtung und regionaler Siedlungsentwicklung beschäftigt. Ergebnisse sind auf unserer Homepage abrufbar.   Studentische Arbeiten - freiraumCHARAKTERE München (2016)   Die eine Projektaufgabe bestand in der Freilegung und eben Qualifizierung zusammengehörender Stadt-Freiraum-Charaktere in München. Um solche in ihrer inneren Struktur und auch äußeren Abgrenzung zu erforschen, mussten die Studentengruppen von nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Punkten in Münchner Stadtrandgebieten ausgehend zusammenhängende Stadt-Freiraumcharaktere suchen. Auf diese Weise sollten Gebiete jenseits von vorgegebenen Verwaltungsgrenzen und bewusst in den strukturell schwerer zu fassenden Randbezirken erfasst werden. Die Suche nach inneren Zusammenhängen und äußeren Abgrenzungen erfolgte anhand von, je nach vorgefundenen Situationen ausgewählten, mehrschichtigen Raumanalysen von Bau-, Grün- und Infrastrukturen. Dabei wurden jeweils Stadt-Freiraum-Typen definiert, die wiederum größere Quartierszusammenhänge bildeten. Diese wurden strukturell anhand ähnlicher Typen und historisch anhand von Geländemorphologie und Entwicklungsgeschichte ermittelt.    In der folgenden Entwurfsphase haben die Studierenden jedem Quartier eine tragende Idee (eben einen Freiraum-‚Charakter’) zugewiesen und diesen durch bauliche und funktionale Ordnung von Nachverdichtungen gestärkt. So entstehen neue grüne Freiraumstrukturen stets im Zusammenhang mit den städtischen Bebauungstypen, Straßenquerschnitten, Erdgeschossnutzungen, aber auch mit Aspekten der Bodenordnung, des genossenschaftlichen Bauens, der funktionalen Mischung etc.. So ging es schließlich konkret um neu gefasste Raumproportionen und -folgen in Milbertshofen, Zugänglichkeiten und Durchlässigkeiten von verdichteten Gewerbegebieten in Obersendling, um eingefügte Teppichsiedlungen in Neu-Perlach, einen Würm-Anger in Allach als Quartiersrückgrat ...  das Potenzial, gerade in den heterogenen Randbezirken Münchens durch Nachverdichtung neue Stadt- und Freiraumqualitäten zu erzeugen, ist jedenfalls überraschend: freiraumCHARAKTERE München (2016).   Studentische Arbeiten - Langfristige Landschaftsentwicklung (2014)   Zuvor hatten wir in einem Entwurfsprojekt eine eigene landschaftsarchitektonische Perspektive zur künftigen Landschafts- und Siedlungsentwicklung in der Region München zur Aufgabe gestellt. Ziel war es, die Landschaften der Region nicht mehr funktionalistisch und zentralistisch als Peripherie, Umland, Grüngürtel oder Metropolregion zu betrachten, sondern sie als charaktervolle, geschichtlich gewachsene Raumqualitäten zu verstehen, die dem Selbst- und Verantwortungsbewusstsein Münchens auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Also, „die Idee von neuen Stadt-Satelliten im Umfeld, in der „freien Landschaft“ ernsthaft (zu) untersuchen und interdisziplinär planerisch entwickeln“ (Neumann), aber dabei eben gerade das Denken in Begriffen wie Umfeld und Satelliten zu überwinden.    Hier entwickelten die Studierenden neue Siedlungsmodelle, die an die bestehenden landschaftlichen und historischen Strukturen angelehnt sind, so dass das Wachstum nicht weiterhin in Identitäten zerstörenden ‚Krakenarmen’ der Stadt oder Aufblähungen der bestehenden Dorfkerne verläuft, sondern in neuen, charaktervollen Siedlungsdörfern konzentriert wird. Das bedeutet dann aber, dass im Außenbereich neue Kerne mit hoher Dichte begründet werden, etwa als neue Rodungsinseln, Mooskolonien oder in Hanglage von Talzügen, aber durchaus auch an modernen Strukturen wie dem Isarkanal. Weil die Studierenden auch hier trotz der großräumigen Betrachtung im kleinen Maßstab nicht mit flächenhaften Darstellungen, sondern mit konkreten Raumtexturen arbeiteten, sind hier Pläne entstanden, die die Siedlungslandschaft der Region der Münchner Schotterebene und ihrer angrenzenden Hügelländer in einer ganz neuen Art und Weise zeigen - schon vom Planungsbild her auf Augenhöhe mit der Stadt (Langfristige Landschaftsentwicklung, 2014).   Sören Schöbel TU München, Professur für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume   1 Freiraumplanung ist nicht, auch wenn dies immer mal wieder so verwendet wird, ein Synonym für Landschaftsarchitektur, sondern eine ihrer Teilaufgaben, die sich mit der strukturellen Begründung und Verortung von Freiräumen in urbanen Raumzusammenhängen befasst!