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Planetare Gesundheit räumlich wirksam machen

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Gesunde Städte innerhalb ökologischer Belastungsgrenzen – Zentrale Aufgabe einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung

Von Nicole Stauf und Dorothea Baltruks

Wie und wo wir wohnen, uns bewegen, unsere Freizeit gestalten, sozial interagieren, welche Luft wir atmen und wie wir uns ernähren – diese Faktoren beeinflussen maßgeblich unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Gesundheit entsteht in den Lebenswelten und damit im Zusammenspiel von räumlichen, ökonomischen, sozialen, klimatischen und ökologischen Faktoren. Landschaftsarchitektur trägt dabei eine zentrale Verantwortung, um städtische Lebenswelten gesundheitsförderlich und zukunftsfähig zu gestalten. 

Stabile Klimabedingungen, biologische Vielfalt, saubere Luft und sauberes Wasser bilden neben anderen ökologischen Systemen die Grundlage für ein gesundes Leben. Dieses grundlegende Verständnis wird im Konzept der planetaren Gesundheit zusammengefasst.

Es baut auf den neun ökologischen Belastungsgrenzen auf, die essenziell für die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Erdsystems sind und innerhalb derer sich ein sicherer Handlungsspielraum für die Menschheit befindet. Stand 2025 sind sieben der neun Belastungsgrenzen bereits überschritten (siehe Abbildung unten) – damit schrumpft der sichere Handlungsspielraum für gesellschaftliche Entwicklung erheblich.

Wir setzen damit zunehmend unsere Lebensgrundlagen aufs Spiel und riskieren das Kippen ursprünglich intakter und resilienter Ökosysteme – mit direkten Folgen für Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität, insbesondere in Städten.

Ökologische Belastungsgrenzen. © CPHP in Anlehnung an Planetary Boundaries Science (PBScience). 2025. Planetary Health Check 2025 Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK), Potsdam, Germany.

Das Konzept der planetaren Gesundheit verbindet diese ökologischen Belastungsgrenzen mit den politischen, sozialen und ökonomischen Systemen, die gesundheitliche Chancengerechtigkeit ermöglichen. Nur wer seine Grundbedürfnisse erfüllen kann, Zugang zu guter Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung hat, kann ein gesundes und würdevolles Leben führen. Die planetaren Belastungsgrenzen geben den Bezugsrahmen vor, an dem sich Stadtentwicklung langfristig orientieren muss.

Gerade die Landschaftsarchitektur bewegt sich an der Schnittstelle zwischen sozialen Lebenswelten und ökologischen Systemen und kann einen wichtigen Beitrag leisten, planetare Gesundheit räumlich wirksam zu machen. 

Städte als Brennpunkt und Katalysator

Die zunehmende Verschärfung der Klima- und Umweltkrisen betrifft Städte in besonderer Weise und damit mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung. Besonders benachteiligt sind vulnerable Gruppen, darunter Kinder, ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen sowie sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die häufig überproportional und teilweise mehrfach belastet sind.

Dabei ist zu betonen, dass die direkten und indirekten gesundheitlichen Risiken für unsere physische und mentale Gesundheit nicht allein von den Extremwettern ausgehen.

Entscheidend ist auch, wie die Planung und Gestaltung städtischer Räume, Infrastruktur, Informations- und Warnsysteme sowie der Gesundheits- und Pflegesektor auf Herausforderungen wie Hitzewellen, Dürren, Hochwasser und Stürme vorbereitet sind und der Bevölkerung Schutz bieten. 

Städte sind nicht nur Betroffene der Klima- und Umweltkrisen, sondern tragen selbst wesentlich zur Belastung der Ökosysteme bei. Ursache dafür sind u.a. der hohe Energie- und Ressourcenverbrauch für gebaute Infrastruktur und Mobilität, der damit einhergehende Ausstoß von Treibhausgasemissionen und Luftschadstoffen sowie der Flächenverbrauch für Wohnen und Infrastruktur. Versiegelung und der Verlust biologischer Vielfalt sind direkte Folgen dieser Entwicklung.

Zugleich sind Städte die zentralen Handlungsräume, in denen die notwendige Transformation hin zu gesünderen, ökologisch resilienten und nachhaltigeren Lebensräumen geplant und umgesetzt werden kann. Städte sind damit sowohl Brennpunkt der Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen als auch Katalysator für gesellschaftliche Transformationsprozesse. 

Politische Rahmenbedingungen für Klimaresilienz und Biodiversität

Der politische Rahmen für klimaresiliente Städte und Gesundheitsschutz ist vorhanden, wenn auch die Umsetzung sehr unterschiedlich voranschreitet: Die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel, die das Bundes-Klimaanpassungsgesetz in Zielen konkretisiert (u.a. für Gesundheit und Pflege sowie Stadtentwicklung), verpflichtet den Bund und die Länder, Klimaanpassung systematisch voranzutreiben.

Für Städte bedeutet das, dass Politik, Verwaltung und Fachämter die Klimarisiken – etwa Hitzebelastung und Hochwasser – systematisch prüfen und Klimaanpassung in der Stadtentwicklung als Planungsziel verankern müssen. 

Die Leistungen der Natur für die menschliche Gesundheit werden auch in der Nationalen Biodiversitätsstrategie 2030 betont. Die geforderte Integration von Biodiversitätsschutz in Stadt- und Flächennutzungsplänen unterstützt auch direkt Gesundheitsziele wie den Hitze-, Luft- und Lärmschutz sowie das Schaffen von attraktiven Bewegungsräumen.

Auch die europäische Verordnung über die Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law) fördert die Gesundheit. Die naturbasierten Lösungen sollen auch zur Kühlung im Sommer, zum Schutz vor Überschwemmungen und der Stressreduktion beitragen. Die Lebensqualität wird sich durch die neuen Vorgaben für Grünflächen verbessern.  

Für die Landschaftsarchitektur eröffnet sich dadurch die Chance, die Synergien von Klimaanpassung, Gesundheitsschutz und Umweltschutz in der urbanen Gestaltung aktiv zu verbinden. So kann sie dazu beitragen, dass sowohl die Gesundheit der Bevölkerung als auch die der Ökosysteme geschützt und gestärkt werden. 

Planetare Gesundheit im Herzen von Stadtentwicklung und räumlicher Gestaltung

Viele Städte haben die Herausforderungen des Klimawandels erkannt und ergreifen Maßnahmen zur Anpassung. Neue Grünflächen werden angelegt, kühle und schattige Orte geschaffen bzw. ausgewiesen und Zugang zu kostenlosem Trinkwasser in öffentlichen Räumen ermöglicht. 

Diese Maßnahmen sind vor allem für den kurzfristigen Hitzeschutz wichtig, reichen jedoch mittel- und langfristig nicht aus. Aufgrund der Komplexität urbaner Räume und ökologischer Systeme ist ein systemisches Verständnis eine zentrale Voraussetzung für gesunde, nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung. Die Integration von planetarer Gesundheit in das Leitbild der Stadtentwicklung kann dazu beitragen, diese Zusammenhänge sichtbarer zu machen und sektorübergreifend und langfristig wirkungsvoll zu handeln. 

Vielfältige Lösungsansätze für gesundheitsfördernde und nachhaltige Ausrichtung von Städten existieren bereits, u.a. in der Neuen Leipzig-Charta und dem Weißbuch Stadtgrün. Konkrete Maßnahmen umfassen die Anwendung des Schwammstadt-Konzepts, die Stärkung von blau-grüner Infrastruktur, Nutzung von klimaresilienter Vegetation sowie den Ausbau von Grünflächen, vertikaler Begrünung, Grünzügen und Luftkorridoren. Hinzu kommen Entwicklung und Anwendung von Zirkularität bei Planung und Bau und Förderung von aktiver Mobilität durch Ausbau von Fahrradstraßen und Gehwegen.

Öffentliche städtische Räume sind meist sehr begrenzt und Zielkonflikte zwischen den gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Nutzungsinteressen unausweichlich. Die Berücksichtigung gerechter Teilhabe ist daher essenziell, um allen gleichermaßen Zugang zu lebenswerten Räumen zu ermöglichen und auch die soziale Akzeptanz zu erhöhen.

Der Umweltgerechtigkeitsatlas des Landes Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Zusammenwirken von sozio-ökonomischer Benachteiligung, Luftverschmutzung, Lärm- und bioklimatischer Belastung sowie Zugang zu Grün- und Freiflächen analysiert werden kann. Ökologische und soziale Interessen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sollten wie in diesem Beispiel als interagierende Dimensionen von Gerechtigkeit betrachtet werden. 

Eine Win-Win-Win Situation für Gesundheit, Umwelt und Klima

Gesundheitsschutz, Gesundheitsförderung und Umweltschutz können integriert umgesetzt und synergetisch wirksam werden (siehe Abbildung unten). Insbesondere die Gestaltung städtischer Grünflächen kann auf vielfältige Weise zum Gesundheitsschutz und zur Gesundheitsförderung beitragen. Die gesundheitlichen Vorteile sind erheblich und wissenschaftlich gut belegt – auch mit Blick auf die physische Gesundheit.

Umweltschutz, Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung. SRU (Sachverständigenrat für Umweltfragen) (2023): Umwelt und Gesundheit konsequent zusammendenken. Sondergutachten. Berlin: SRU. Abb. 2-2

Eine großangelegte Erhebung in 6.800 Orten in Australien, Brasilien, Kanada, Chile, Neuseeland, Südkorea und Thailand über 19 Jahre zeigte, dass der Zugang zu städtischen Grünflächen zur Reduktion von Krankenhauseinweisungen aufgrund verschiedener psychischer Erkrankungen wie Psychosen, Suchtstörungen und Stimmungsstörungen beiträgt. 

Die Berücksichtigung von biologischer Vielfalt bei der Gestaltung urbaner Grünflächen stärkt darüber hinaus die ökologische und klimatische Resilienz städtischer Räume und trägt langfristig zur Stabilisierung gesundheitsrelevanter Ökosystemleistungen bei. Auch eine volkswirtschaftliche Betrachtung, die über eine Kosten-Nutzen-Rechnung für einzelne Sektoren hinausgeht und beispielsweise die volkswirtschaftlichen Einsparungen durch reduzierte Krankheitslast, Gesundheitskosten und Arbeitsausfälle durch Investitionen in Grünflächen oder Fahrradinfrastruktur einbezieht, liefert starke Argumente. Diese Synergien und Co-Benefits sind politisch wie gesellschaftlich noch immer zu wenig sichtbar, obwohl sie die Akzeptanz und Wirksamkeit von Maßnahmen deutlich erhöhen könnten.

Der Schutz und die Förderung von Gesundheit und Wohlergehen innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen sind daher auch eine zentrale Aufgabe und Chance einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Landschaft zu gestalten heißt, einen wichtigen Beitrag zu besserer Gesundheit, ökologischer Stabilität und sozialer Teilhabe zu leisten und eine resiliente und nachhaltige Stadtentwicklung mitzugestalten.

Literaturverzeichnis:

  • Planetary Boundaries Science (PBScience). 2025. Planetary Health Check 2025. Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK), Potsdam, Germany.
  • Baltruks D, Gepp S, van de Pas R, Voss M, Wabnitz K (2022). Gesundheit innerhalb planetarer Grenzen. Offene Fragen an Politik, Wissenschaft und Gesundheitsakteure. Policy-Brief 01–2022. DOI: 10.5281/zenodo.6642685
  • Ye T, Huang W, Xu Z, Xu R, Yu P, Wu Y et al. Greenness and hospital admissions for cause specific mental disorders: multicountry time series study BMJ 2025; 391:e084618 doi:10.1136/bmj-2025-084618

 

Weitere Informationen zum Thema


Autorinnen: Nicole Stauf, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Dorothea Baltruks, Leiterin, Centre for Planetary Health Policy (CPHP), c/o KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V., Berlin. Der Text erschien in der bdla-Verbandszeitschrift "Landschaftsarchitekt:innen" 1/2026.

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